|
Anders als bei der herkömmlichen Dialektdichtung werden bei diesen Texten
verschiedene ostösterreichische Dialektidiome und -register inkonsequent
nebeneinander verwendet; im Vordergrund steht die dialektale Bedeutungsebene.
Die vorliegenden Texte sind keine Übersetzungen und keine Normaltexte mit
eingesprengten Doppelbedeutungen, aber auch nicht eindimensionale
Dialektgedichte, die durch die Wiedergabe in hochsprachlichen
Homophonen bloß verrätselt werden. Für jeden Text gibt es
zwei Lesarten. Die erste Lesart ist offensichtlich; die zweite muss bei der
Rezeption entstehen. Den Leser erwartet also in chronologischer Reihenfolge
ein dreifacher Genuss: Zunächst die Lektüre eines hochsprachlichen
Gedichts, das interessant ist, bei dessen ästhetischer Bewertung man jedoch
zögert; dann der Triumph des Entdeckens eines Gedichts hinter dem Gedicht.
In manchen Fällen tritt das blitzartig ein, in vielen allmählich, in anderen
erst nach einiger intellektueller Arbeit. Schließlich verfügt man souverän
über beide Lesarten und hat die Möglichkeit, Beziehungen zwischen ihnen herzustellen.
Wir haben somit mehr als unsere Vorgänger darauf Wert gelegt, die neu entstehenden
Texte zu eigenständigen Gedichten zu formen. Wir gehen dabei nicht von einer
Vorlage aus, sondern lassen zwei neue Texte auf einmal entstehen, um den
stets sekundären Charakter der Oberflächenübersetzung zu überwinden.
So entstehen doppelschichtige Texte, deren erste Schicht ganz von einer
zweiten verdeckt wird, die sich als Dialektlyrik ausgibt, bei der man den Dialekt
allerdings vergeblich suchen wird.
aus dem Vorwort
|